Der Wandel der Umgangssprache

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Der Wandel der Umgangssprache ist ein faszinierendes Fenster in unsere Gesellschaft: Wie wir sprechen, verrät, wie wir denken, fühlen und miteinander leben. Umgangssprache verändert sich schneller als die Standardsprache – getrieben von Medien, Migration, Digitalisierung und natürlich von Jugendlichen, die alte Wörter verwerfen und neue prägen. In diesem Artikel schauen wir uns zuerst den allgemeinen Wandel der Umgangssprache an, dann typische Begriffe der österreichischen Umgangssprache (mit Übersetzungen ins Hochdeutsche) und anschließend Beispiele aus der deutschen Umgangssprache. Zum Schluss folgt ein eigener Teil mit neuen Wörtern der Umgangssprache und aktuellen Jugendwörtern.


1. Warum Umgangssprache sich ständig verändert

Umgangssprache ist der Sprachbereich, in dem am meisten Dynamik steckt. Während Grammatik und Rechtschreibung relativ stabil bleiben, ist der Wortschatz in stetiger Bewegung. Gründe dafür sind unter anderem:

  • Medien und Internet: Serien, Memes, YouTube, TikTok und Gaming bringen ständig neue Ausdrücke ins Deutsche.
  • Englisch als Lingua Franca: Viele neue Begriffe stammen aus dem Englischen („cringe“, „random“, „sus“, „lost“).
  • Migration und Mehrsprachigkeit: Wörter aus dem Türkischen, Arabischen oder Balkan-Sprachen sind inzwischen fester Bestandteil der Umgangssprache in vielen Städten („Lan“, „Wallah“, „Babo“).
  • Regionale Identität: Dialekt färbt in Österreich und Deutschland weiterhin massiv auf die Umgangssprache ab – nur milder und gemischt mit Standardsprache.

Früher gab es klare Grenzen: Dialekt vs. Hochsprache. Heute entstehen dazwischen breite Übergangszonen: Dialektnahe Umgangssprache, regionales Hochdeutsch und Jugendsprache, die sich stark mischen.


2. Österreichische Umgangssprache: typische Begriffe und ihre Bedeutung

Die österreichische Umgangssprache ist ein eigener Kosmos. Sie basiert auf österreichischen Dialekten (Wienerisch, Steirisch, Kärntnerisch usw.), ist aber im Alltag oft mit Hochdeutsch vermischt. Viele Begriffe sind im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt, andere sind klar „österreichisch“.

Hier einige typische Begriffe mit Übersetzung und kurzer Erklärung:

Der Wandel der Umgangssprache: Körper, Gefühle und Alltag

  • Wimmerl
    Bedeutung: Pickel
    Beispiel: „I hob scho wieda a Wimmerl auf da Stirn.“
    Übersetzung: „Ich habe schon wieder einen Pickel auf der Stirn.“
  • zach
    Bedeutung: anstrengend, mühsam, zäh („zach“ = „zäh“)
    Beispiel: „Des Meeting war echt zach.“
    Übersetzung: „Diese Besprechung war wirklich anstrengend.“
  • grantig
    Bedeutung: schlecht gelaunt, mürrisch
    Beispiel: „Sei ned so grantig in der Früh.“
    Übersetzung: „Sei morgens nicht so schlecht gelaunt.“
  • g’schmeidig
    Bedeutung: angenehm, entspannt, lässig
    Beispiel: „Des is a g’schmeidige Lösung.“
    Übersetzung: „Das ist eine sehr angenehme/clevere Lösung.“
  • heißln / Häusl
    Bedeutung: „Häusl“ = Toilette, „heißln“ = aufs Klo gehen
    Beispiel: „I muaß kurz aufs Häusl.“
    Übersetzung: „Ich muss kurz auf die Toilette.“
  • gsöchts: ungezogenes Kind
  • is ma wurscht: ist mir egal
  • Gschroppn: ungeduldiges oder freches Kind
  • Ratschn: Plauderei, Gespräch
  • Spananadeln: Unsinn machen, Unfug treiben
  • Feugeln: ärgern, necken
  • Semper/Sudan: sich beklagen
  • Blümerant: unangenehm, schlecht
  • G’sturl: Freude, Spaß
  • Iware: vorbei, hinüber
  • Jass: Experte, Kenner
  • Beisl: kleines Wirtshaus, Lokal
  • Amper: Eimer, Kübel
  • Losen: zuhören
  • Herzkasperl: Herzinfarkt
  • Pritschln: im Wasser plantschen
  • Klumpert: wertloser Gegenstand
  • Gschamig: schüchtern, zurückhaltend
  • Reindl: Kochtopf
  • Haberer: Freund, Kumpel
  • Gspusi: Liebschaft, Flirt
  • Tschecherl / Tschocherl: kleine Kneipe
  • Panier: Panade, z.B. für Schnitzel
  • Schmarrn: Unsinn,
  • Ur zach: sehr anstrengend, schwierig
  • Leiwand: toll, cool
  • Baba: Tschüss, Auf Wiedersehen
  • Servus / Griaß di: Begrüßung oder Abschied
  • Küss die Hand / Hab die Ehre: höfliche Begrüßungsformel
  • Schanigarten: Freiluftgastgarten
  • Zwickl: kleines Bier (auch als Biersorte)
  • Most: Apfelwein
  • Sackerl: Tüte, Beutel

Der Wandel der Umgangssprache: Menschen, Charakter und Verhalten

  • Oida / Oidaa
    Bedeutung: wörtlich „Alter“, ähnlich wie in der deutschen Umgangssprache. Wird als Anrede, Füllwort oder als Ausruf benutzt, je nach Betonung.
    Beispiel: „Oida, host du des gsehn?“
    Übersetzung: „Alter, hast du das gesehen?“
  • Tschick
    Bedeutung: Zigarette
    Beispiel: „Hast a Tschick für mi?“
    Übersetzung: „Hast du eine Zigarette für mich?“
  • Gspusi
    Bedeutung: Affäre, lockere Beziehung, Liaison
    Beispiel: „Die zwei ham scho lang a Gspusi.“
    Übersetzung: „Die beiden haben schon lange eine Affäre.“
  • deppert
    Bedeutung: dumm, blöd, ungeschickt (je nach Kontext leicht oder stark negativ)
    Beispiel: „Stell di ned so deppert an.“
    Übersetzung: „Stell dich nicht so dumm an.“
  • leiwand
    Bedeutung: toll, super, großartig
    Beispiel: „Des Konzert war leiwand.“
    Übersetzung: „Das Konzert war großartig.“

Der Wandel der Umgangssprache: Arbeit, Schule und Alltagssituationen

  • hackeln
    Bedeutung: arbeiten
    Beispiel: „I geh jetzt hackeln.“
    Übersetzung: „Ich gehe jetzt arbeiten.“
  • Jause
    Bedeutung: Zwischenmahlzeit, Brotzeit
    Beispiel: „I mach ma a Jause.“
    Übersetzung: „Ich mache mir eine Brotzeit.“
  • Trafik
    Bedeutung: Tabak- und Kioskgeschäft (in Österreich eigener Begriff)
    Beispiel: „I geh schnell in die Trafik Zigaretten holen.“
    Übersetzung: „Ich gehe kurz zum Kiosk, um Zigaretten zu holen.“

Solche Wörter sind stark identitätsstiftend. Viele Österreicherinnen und Österreicher nutzen eine Mischung aus Standarddeutsch und diesen Ausdrücken, um Nähe, Humor und Zugehörigkeit auszudrücken.


3. Deutsche Umgangssprache: typische Begriffe und Nuancen

Auch die deutsche Umgangssprache hat ihre typischen Begriffe, die oft regional unterschiedlich verwendet werden, aber medial inzwischen weit verbreitet sind.

Klassische umgangssprachliche Wörter

  • wackelig / wackelig drauf sein
    Bedeutung: sich nicht gut fühlen, instabil sein
    Beispiel: „Heute bin ich irgendwie wackelig drauf.“
  • verpeilt
    Bedeutung: unkonzentriert, chaotisch, durcheinander
    Beispiel: „Ich bin total verpeilt, habe den Termin vergessen.“
  • affig
    Bedeutung: albern, lächerlich, kindisch
    Beispiel: „Das ist doch eine affige Regel.“
  • spießig
    Bedeutung: konventionell, überkorrekt, kleinbürgerlich
    Beispiel: „So spießig will ich nicht leben.“
  • abhängen
    Bedeutung: nichts Besonderes tun, relaxen
    Beispiel: „Wir hängen heute einfach im Park ab.“
  • krass
    Bedeutung je nach Kontext: beeindruckend, extrem, schockierend
    Beispiel: „Das war ein krasser Move.“
  • Bock haben
    Bedeutung: Lust auf etwas haben
    Beispiel: „Ich habe keinen Bock auf Hausarbeit.“

Viele dieser Wörter sind inzwischen so etabliert, dass sie sogar in journalistischen Texten auftauchen, wenn ein informeller Ton gewünscht ist.


4. Neue Wörter der Umgangssprache und aktuelle Jugendwörter

Der sichtbarste Teil des Sprachwandels zeigt sich in Jugendwörtern. Sie stammen häufig aus dem Englischen, aus Gaming, Social Media oder aus Multi-Kulti-Stadtsprachen. Manche verschwinden nach wenigen Jahren, andere wandern in die allgemeine Umgangssprache.

Hier einige aktuelle und jüngere Begriffe mit Erklärung:

  • cringe
    Herkunft: englisch
    Bedeutung: peinlich, fremdscham-auslösend
    Beispiel: „Dieses Video ist echt cringe.“
  • lost
    Herkunft: englisch („lost“ = verloren)
    Bedeutung: planlos, ahnungslos, überfordert
    Beispiel: „In Mathe bin ich komplett lost.“
  • sus
    Herkunft: „suspicious“ (verdächtig), populär geworden durch das Spiel „Among Us“
    Bedeutung: verdächtig, merkwürdig
    Beispiel: „Das Angebot ist irgendwie sus.“
  • goofy
    Herkunft: englisch, bedeutet albern, dämlich, komisch
    Beispiel: „Der Typ ist total goofy unterwegs.“
  • rizz
    Kurzform von „charisma“
    Bedeutung: Ausstrahlung, Flirt-Skills
    Beispiel: „Der hat richtig Rizz.“
  • based
    Bedeutung: steht für eine selbstsichere, eigenständige Meinung, die man auch gegen den Mainstream vertritt
    Beispiel: „Die Aussage war ziemlich based.“
  • NPC
    Herkunft: Gaming („Non-Player-Character“)
    Bedeutung: jemand, der wirkungslos mitschwimmt, scheinbar keine eigenen Gedanken hat
    Beispiel: „Die rennen alle wie NPCs durch die Stadt.“
  • Flexen
    Bedeutung: prahlen, zeigen, angeben
    Beispiel: „Er muss immer mit seinem Auto flexen.“
  • stabil
    Bedeutung: zuverlässig, cool, souverän
    Beispiel: „Sie hat das Referat stabil durchgezogen.“

Daneben entstehen neue Zusammensetzungen mit deutschen Wörtern, oft ironisch:

  • Ehrenmann / Ehrenfrau
    Bedeutung: jemand, der etwas besonders Loyal- oder Hilfsbereites tut
    Beispiel: „Du hast mir echt geholfen, Ehrenmann!“
  • Gönnjamin / Gönjamin
    verspielt abgeleitet von „gönnen“
    Bedeutung: jemand, der sich oder anderen etwas gönnt
    Beispiel: „Heute bin ich Gönnjamin und bestelle Nachtisch für alle.“
  • Side-Eye (oft als Meme, übernommen aus dem Englischen, aber in deutschsprachigen Kontexten genutzt)
    Bedeutung: skeptischer, seitlicher Blick, mit dem man Missbilligung signalisiert.

Auch im Bereich der Höflichkeitsformen bewegt sich etwas: Viele Jugendliche duzen sich generell, und das „Sie“ wird in manchen digitalen Kontexten als distanziert oder unpersönlich wahrgenommen. Gleichzeitig entstehen neue ironische Höflichkeitsformen („Sie, Bruder?“) als spielerische Mischung.


5. Was der Wandel der Umgangssprache über die Gesellschaft verrät

Der Wandel der Umgangssprache ist mehr als nur ein Trendthema. Er zeigt:

  • Digitalisierung in der Sprache: Abkürzungen („kp“ für „kein Plan“, „idk“, „lol“, „brb“) und Emojis wurden durch Wörter ersetzt, die denselben emotionalen Gehalt tragen („cringe“, „same“, „relatable“).
  • Hybridisierung: Deutsch mischt sich stark mit englischen, türkischen, arabischen und anderen Ausdrücken. Sprache wird dadurch vielfältiger und flexibler.
  • Identität und Abgrenzung: Jugendliche nutzen Sprache bewusst, um sich von der Elterngeneration und von formellen Kontexten abzugrenzen.
  • Region bleibt wichtig: Österreichische Begriffe wie „leiwand“, „Wimmerl“ oder „zach“ bleiben lebendig und werden oft mit Stolz verwendet. Ähnliches gilt für viele deutsche Regionalismen.

Wer Sprache beruflich nutzt – in Marketing, HR, Bildung oder Medien – sollte diese Entwicklungen kennen. Es geht nicht darum, künstlich „jugendlich“ zu sprechen, sondern die Signale zu verstehen: Welche Wörter markieren Nähe, Humor, Selbstironie oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe?


6. Umgangssprache als lebendiger Spiegel der Zeit

Umgangssprache ist kein „falsches Deutsch“, sondern der lebendige Bereich der Sprache, in dem sich Gesellschaft, Technik, Medien und Kultur am schnellsten widerspiegeln. Österreichische Ausdrücke wie „Wimmerl“, „zach“, „leiwand“ oder „Tschick“ zeigen, wie stark regionale Identität bleibt. Deutsche Umgangssprache mit Wörtern wie „verpeilt“, „krass“ oder „abhängen“ ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Neue Jugendwörter wie „cringe“, „lost“, „sus“ oder „Rizz“ machen sichtbar, wie stark Englisch, Gaming und Social Media unsere Sprache prägen.

Wer diese Entwicklungen beobachtet, lernt nicht nur neue Wörter, sondern versteht auch besser, wie sich Einstellungen, Werte und Kommunikationsstile verändern – in Österreich, in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum.

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